Philosophie

Arbeit ist einer der prägenden Eckfeiler unseres Menschseins. Arbeit bestimmt sogar in unserer Gesellschaft das Sein. Ich arbeite, also bin ich! Dies gilt vor allem für Erwerbsarbeit. Ein großer Teil unseres Selbstwertgefühls beziehen wir durch Tätigkeiten, die mit Arbeit direkt oder indirekt im Zusammenhang stehen. In der bisherigen Geschichte der Arbeit wurde diese sog. Selbstvergewisserung immer wieder durch Veränderungen zumeist technischer Natur unterbrochen.

Digitalisierung und Industrie 4.0 beschreiben die Fortsetzung vergangener industrieller Revolutionen in der Gegenwart.

 

Einfacher Chevronprozess

18. Jahrhundert

19 Jahrhundert

20 Jahrhundert / ab Beginn der 70‘er Jahre

Heute

Einführung mechanischer Produktions- anlagen mit Hilfe von Wasser-/Dampfkraft

Erster mechanischer Webstuhl, 1784

Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion mit Hilfe elektrischer Energie – Erstes Fließband, 1870

Einsatz von Robotik und IT zur weiteren Automatisierung der Produktion – Erste speicher- programmierbare Steuerung, 1969

Einsatz von cyber-physischen Systemen, vernetztes Arbeiten, (Wertewandel)

 

Der Pessimist mag sich auch heute an die Bilder der 2. Industriellen Revolution erinnert fühlen, die Charlie Chaplin in seinem Film „Moderne Zeiten“ (Originaltitel: Modern Times) durch das Bild des Fließbandarbeiters prägte, der durch die rasante und ständig gleichförmige Laufbandarbeit zunächst erste Störungen in seiner Motorik und Koordination erleidet, dann von einem Automaten malträtiert wird und schlussendlich im Irrenhaus landet.

Klaus Lage beschreibt den damaligen Zeitgeist in seinem Song „Monopoli“ aus 1985 wie folgt:

 

„Ja, Vater, du bist noch vom ganz alten Schlag,
seit vierzig Jahren pünktlich – jeden Tag.
Du warst nie krank und bist noch drauf stolz.
Na und, was soll’s?

Wann hast du jemals richtig Urlaub gemacht?
Dein ganzes Leben für’n Betrieb mitgedacht.
Deinen Job macht jetzt ein Stück Silikon.
Wen juckt das schon?“

 

Die mehr oder weniger verdeckte Kritik aus der Vergangenheit lebt fort. Auch heute befürchten Kritiker „digitalen Taylorismus“ und dass der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Erfindungen wird.  

Befürworter des digitalen Wandels unterstreichen die Tatsache, dass technologischer Fortschritt der Menschheit stets neuen Wohlstand sowie verbesserte Möglichkeiten und Perspektiven beschert hat. Digitalisierung schaffe größere Flexibilität und zwar weltweit und prompt, quasi „just in time“. Zudem eröffne eine Kooperation zwischen Mensch und Maschine ergeben neue Industriezweige und schaffe Beschäftigungspotentiale wie auch Work-Life-Balance.

Wenig beleuchtet in diesem Zusammenhang ist allerdings die Frage danach, ob und wie Digitalisierung den Sinn und Wert von Arbeit für jeden Einzelnen verändert.

Auswirkungen der Digitalisierung für die Bedeutung der Arbeit

Anders als in früheren Zeiten ist die Erwerbstätigkeit jedenfalls außerhalb prekärer Beschäftigungsverhältnisse heute nicht mehr lediglich Mittel zur Erwirtschaftung des Lebensunterhalts, sondern darüber hinaus auch Werkzeug zur Selbstverwirklichung. Ausreichendes Entgelt und Zeit zur freien Verfügung (Frei-Zeit) sind die Grundvoraussetzungen. Hinzu kommt ein Phänomen, welches alle westlichen und inzwischen auch asiatischen Gesellschaften verbindet: Die Individualisierung unserer Gesellschaft.

Individualisierungsdrang ist das Bestreben, sich im Arbeitsumfeld und gerade auch durch die konkret geleistete Tätigkeit als Mensch mit Persönlichkeit, Stärken und Schwächen darzustellen und wahrgenommen zu werden. Der Individualisierungsdrang ist Triebfeder der Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung wiederum erfordert Selbstbestimmtheit.

Die New Economy Unternehmungen haben diese Zusammenhänge unlängst auch als Arbeitnehmerbelange erkannt und umgesetzt. Eine steigende Anzahl von Produktvarianten zeigt zudem, dass der Drang zur Individualisierung und zur Selbstverwirklichung nicht nur als Anliegen der Personalabteilung (HR), sondern auch des Marketings erkannt und bereits genutzt worden ist.    

 Im Spannungsfeld zwischen Digitalisierung und Individualisierung

Sowohl der digitale Wandel als auch das Individualisierungsbegehren des Menschen wird die Grenzen bislang strikt getrennter Bereiche aufweichen. Arbeit und Freizeit verzahnen sich. Home-Office, zeitliche Flexibilität, ständige Erreichbarkeit, BYOD (Bring Your Own Device) stellen neue (gewollte) Anforderungen an die menschliche Psyche und verändern zugleich tiefsitzende Muster in der Gesellschaft und im Betrieb.   

Dieser Wandel birgt Spannungspotential, denn Individualisierung erfordert stets Kontrast zur bestehenden Gesellschaft, also zu anderen Menschen. Gemeinschaft und Individuum bilden ein System aus „Checks and Balances“ (Überprüfung und Ausgleich), damit das Individuum sich als Mensch begreifen und entwickeln kann.

An dieser Stelle wird die soziale Funktion von Arbeit und des eigenen Arbeitsplatzes deutlich; dies insbesondere mit Blick auf die Zeit, die wir für Arbeit im engeren wie auch im erweiterten Sinne verwenden. Arbeit ist, wie eingangs erwähnt, eines der bestimmenden Momente unseres Lebens, Werkzeug unserer Selbstverwirklichung, Grundlage unsere Gesellschaftsform.  Arbeitslosigkeit ist kein anzustrebendes Ziel.  In ihrer sozialen Form ist Arbeit durch das wie auch immer geartete Aufeinandertreffen mit anderen Menschen Selbstvergewisserung, Individualisierung und im besten Falle Bestätigung bis hin zum Sinn im Lebens.

Durch den Einsatz cyber-physischer Systeme und kollaborativer Zusammenarbeit von Mensch und Roboter werden zwar zwischenmenschliche Probleme, die häufig in Unternehmen beklagt werden, vermieden. Eine Maschine als Kollege schließt aber zugleich auch jedwede soziale Interaktion, ja sogar Lob und Anerkennung, aus. Die für Individualisierung durch Arbeit erforderliche Einheit von Individuum und Gesellschaft entfällt. Die Funktion von Arbeit außerhalb ihres Erwerbscharakters bedarf einer neuen Definition.

Das digitale Zeitalter mit sich selbst (weiter-)entwickelnden Algorithmen, Big Data und KI in der sog. Smart Factory stellt sich fortwährend verändernde Anforderungen an die involvierten Menschen und Mitarbeiter. In der Umsetzung wird auch von Mitarbeitern die Reaktionsgeschwindigkeit und Präzision einer Maschine erwartet. Längere Entscheidungsfindungen mittels menschlicher Abwägungsprozesse sind nicht mehr vorgesehen. Sozial- und Lösungskompetenz wie auch Kreativität scheinen vermeintlich überflüssig. Reflexion am Arbeitsplatz, die zugleich Bestätigung der eigenen Person ist, droht zu entfallen.

Betriebsräte haben daher mehr denn je auf die Belange jedes Einzelnen abzustellen, um die soziale Funktion von Arbeit und Arbeitsplatz dauerhaft im menschlichen Interesse der Belegschaft aufrechtzuerhalten und zu schützen. Zugleich sollte es Anliegen des Arbeitgebers sein, Arbeitnehmerbelange zu wahren und die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine gemeinsam mit dem Betriebsrat so zu gestalten und zu vereinbaren, dass die soziale Funktion der Arbeit erhalten und ein „Employer Branding“ geschaffen wird, welches das Unternehmen auch außerhalb von IT-Strukturen wettbewerbs- und zukunftsfähig macht.

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