Gedanken zur Hannover Messe 2018

„Das Zusammenspiel von Automatisierungs- und Energietechnik, Intralogistik, IT-Plattformen und künstlicher Intelligenz treibt die digitale Transformation der Industrie nach vorn. Mit dem Leitthema „Integrated Industry – Connect & Collaborate“ zeigt die HANNOVER MESSE 2018 die Potenziale dieser Entwicklung“. So beschreibt die Deutsche Messe AG als Ausrichterin der Hannover Messe 2018 das Leitthema der diesjährigen Ausstellung.

Die technologischen und wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung sind unübersehbar. Die Geschwindigkeit mit der die Potenziale zunehmen ausgeschöpft wird erhöht sich exponentiell. Natürlich vereinfacht Digitalisierung Produktion und Dienstleistung. Natürlich erleichtert die Technik auch die menschliche Arbeitsleistung. Wie und warum sollte sich ein Betriebs- oder Personalrat also mit der doch durchaus auch positiven Digitalisierung auseinandersetzen?

Die Digitalisierung wird ALLES ändern. Auf einer Industriemesse wird davon nur ein kleiner und auf die Produktion beschränkter Teil überhaupt sichtbar. Der vermutlich weitaus bedeutendere Teil der Entwicklung findet außerhalb des konkreten Produktionsprozesses statt. Sie erfasst die soziale Gemeinschaft und den Einzelnen. Diese Auswirkungen sind aber nicht werbewirksam darstellbar. Sie sind allenfalls zu beschreiben. Sie sind nicht greifbar und bisher auch weitgehend nur zu prognostizieren und noch nicht konkret darstellbar.

Die sozialen und humanen Auswirkungen der Digitalisierung gehören nicht auf eine Ausstellung. Es handelt sich dabei eben nicht um ein sichtbares Produkt. Sie stellen keinen Abschluss eines komplexen Entwicklungsprozesses dar. Sie sind ein ewig währender Prozess, den es auch dauerhaft zu begleiten und zu steuern gilt.

Wesentliche Teile des Leitbildes unserer Gesellschaft sind im Grundgesetz angelegt. An der Spitze unserer Wertordnung steht die Menschenwürde. Basis dieser Wertordnung ist die in Freiheit und sozialer Integration sich verwirklichende einzelne Person mit „Subjektqualität“. Dem widersprechen grundsätzlich Ordnungen, in denen Routinen vorgegeben und die Freiheit auf die Wahl vorgegebener Entwicklungen begrenzt werden. Freiheit setzt ganz wesentlich eine unbegrenzte Entscheidungsmöglichkeit für den Einzelnen voraus. Keine individuelle Freiheit kann grenzenlos sein. Jede Freiheit des Einen wird durch die Freiheit des und der Anderen begrenzt. Auf die grenzenlose Ausübung der Freiheit kann und muss der Einzelne in seinen sozialen Beziehungen in angemessenem Umfang verzichten. Die Entscheidung darüber, wann ein teilweiser Verzicht auf die grenzenlose Ausübung der individuellen Freiheit angemessen ist, ist aber auch Teil der Freiheit. Der einzelne Mensch entscheidet sich im konkreten Umfeld für oder gegen die konkrete Form der Freiheitsausübung. Vorgaben widersprechen insoweit grundsätzlich dem Menschenbild unserer Wertordnung.

Die Entscheidung des einzelnen unterscheidet sich dabei strukturell von der eines Systems. Das System sucht immer nach der objektiv richtigen Entscheidung. Der Einzelne entscheidet hingegen oft irrational, emotional, kritisch, von eigenen Wertvorstellungen und individuellen Zielen gesteuert, oder durch externe Einflüsse beeinflusst. Die Freiheit sich selbst entscheiden zu können, die Freiheit auch objektiv falsche Entscheidungen treffen zu können, macht einen wesentlichen Teil des Individuums (als Subjekt unserer Wertordnung) aus. Die Utopie, der Mensch lebe in der Zukunft in einer von Routinen weitgehend geprägten Welt objektiv richtiger Entscheidungen, ist nicht vollkommen unrealistisch.

Der Hype um die technologische Entwicklung, wie er auch auf der Hannover Messe 2018 sichtbar wird, führt gleichzeitig zur Vernachlässigung von Überlegungen zu diesen möglichen humanen und sozialen Einschränkungen durch den digitalen Wandel. Soweit sich diese denkbaren Einschränkungen des digitalen Wandels auf die individuelle Freiheit des Einzelnen in seiner sozialen Interaktion beziehen, ist natürlich zunächst der Einzelne auch zur Achtsamkeit aufgerufen.

In der Arbeitswelt ist das nicht einfach. Die schon und ganz wesentlich bei Abschluss des Arbeitsvertrages bestehende strukturelle Unterlegenheit der Arbeitnehmerin oder des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber oder der Arbeitgeberin stellt bereits eine erhebliche Einschränkung genau dieser menschlichen Freiheit dar. Gerade weil aber diese strukturelle Unterlegenheit nicht uferlose Folgen haben darf, vielmehr auch die Menschenwürde im Arbeitsverhältnis als oberstes Prinzip der Wertordnung geschützt werden muss, kennt unsere Rechtsordnung das Institut von Belegschaftsvertretungen. Das ergibt sich aus § 75 BetrVG bzw. § 67 BPersVG.

Deshalb ist es Aufgabe von Betriebs- und Personalräten sich intensiv um die nicht sichtbaren Auswirkungen des digitalen Wandels zu kümmern. Dabei kommt es jetzt darauf an, jeden Arbeitsplatz auf das Maß seiner „humanen Freiheit“ zu untersuchen, diese z.B. in Stellenausschreibungen mit aufnehmen zu lassen, Betriebsänderungen und einzelpersonelle Maßnahmen auch auf Ihre diesbezüglichen Auswirkungen zu bewerten, in sozialen Angelegenheiten die Möglichkeiten nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 6 BetrVG intensiv zu betrachten und auch – und nicht zuletzt – auf Einhaltung der Bestimmungen zum Datenschutz nachhaltig hinzuwirken.

Die unverzügliche und kompetente Wahrnehmung dieser Aufgaben wird umso bedeutender, je glänzender sich die Technologieentwicklung auf Veranstaltungen wie der Hannover Messe 2018 präsentiert.

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