Algorithmen

Digitalisierung verlangt technisches Knowhow

Wer bei Digitalisierung an sein Smartphone, an das Glasfaserkabel oder G5, an Bots, Roboter oder ähnliche körperliche Errungenschaften denkt, greift deutlich zu kurz. Digitalisierung ist in erster Linie unsichtbar! Ihre Wirkung besteht vor allem aus der Verwendung digitaler Signale, zumeist 1 und 0, und aus der Nutzung von Rechenregeln zur Kombination dieser Signale, so genannten Algorithmen. Diese Algorithmen machen aus Daten erst eine (involvierte) Logik.

Wer das versteht und von diesem Punkt aus in die Zukunft denkt, der schärft bereits den Blick für die wirkliche Problematik. Es ist nicht die Digitalisierung als solche, es sind vor allem ihre Auswirkungen, die Sorge bereiten müssen. Um diese abschätzen zu können ist zunächst zu betrachten, was genau durch Digitalisierung in digitale Signale umgewandelt wird. Spiegelbildlich ist festzuhalten, was gerade nicht umgewandelt sondern schlicht „unterschlagen“ wird. Dann ist zu fragen, wem die 0 und die 1 gehört, wer damit auch das Recht und die Möglichkeit hat, sie durch Algorithmen beliebig zu kombinieren. Weiter stellt sich die Frage, wer über die Rechenregeln im Einzelnen bestimmen kann und mit welcher Berechtigung er das tun darf. Spiegelbildich gilt es hier zu fragen, wer gerade keinen Einfluss auf die digitalen Signale und deren Kombination durch Algorithmen nehmen kann.

Sind diese Fragen beantwortet, dann kann man eine erste Vorstellung von dem gewinnen, was uns zukünftig erwartet. Erst wenn auch dieser Schritt gelungen ist, kann eine vorläufige Bewertung der digitalen Arbeitswelt vorgenommen werden. Abhängig von dieser Bewertung sind dann einzelne konkrete Maßnahmen notwendig, um die Schattenseiten der Digitalisierung zu vermeiden oder zu mildern. Und Schattenseiten gibt es! Keine Frage, Digitalisierung kann dem Menschen und der Wirtschaft sehr nützlich sein. Sie ist schon deshalb nicht aufzuhalten. Allein der Versuch einer vollständigen Blockade wäre strafbar. Als Strafe verhängte die globalisierte Wirtschaft nämlich den Verlust von Beschäftigung in der EU, in der Bundesrepublik, in jedem Unternehmen und in jedem Betrieb. Ziel aller Bemühungen kann und muss aber eine ausgewogene Entwicklung hin zu einer digitalen Welt sein.

Dem Schutz vor ungewollten Entwicklungen dient auch das novellierte Datenschutzrecht. Dabei geht es inhaltlich vor allem um den Schutz verarbeiteter Daten. Es hilft deshalb nicht den bei der Umwandlung analoger Wahrnehmungen in digitale Signale stets innewohnenden Datenverlust zu bewerten. Insoweit ist das Datenschutzrecht unvollkommen. Es hilft auch nur in Ansätzen dabei, das Ergebnis aus einer Datenverarbeitung vorherzusehen. Denn, wie gesagt, Digitalisierung bezieht sich nicht nur auf personenbezogene Daten, sondern auch und gerade auf deren Verarbeitung und damit auf die Rechenregeln. Diese Algorithmen, die im Rahmen der Verarbeitung den Daten erst ihre Wirkung verleihen, werden nur am Rande in den Datenschutz einbezogen. So sieht zwar Art. 15 Abs. 1 lit.) h) DSGVO auch einen Auskunftsanspruch bezüglich der „involvierten Logik“ vor, dieser Auskunftsanspruch hängt aber davon ab, ob eine Entscheidung „rein maschinell“ oder unter Einbeziehung eines Menschen gefällt wird. Wie aber soll ohne Einblick in die „involvierte Logik“ festgestellt werden, ob diese Voraussetzung erfüllt ist? Der zwischengeschaltete Mensch kann sowohl (Mit)Entscheider als auch lediglich „Bote“ einer bereits maschinell getroffenen Entscheidung sein!

Wie sehr das Ergebnis identischer Daten von der involvierten Logik abhängt soll folgendes Beispiel belegen. Nimmt man die Reihenfolge der ganzen Zahlen 2, 4, 6, 8 und stellt sich die Frage nach der nächsten ganzen Zahl, dann wird bei Anwendung der Logik n+2 das Ergebnis 10 sein. Bei Anwendung der weitaus schwierigeren involvierten Logik n4 -10n3 + 35n2- 48n + 24 ist das Ergebnis aber 34! Nun wird ein Mensch die Reihenfolge stets mit der Zahl 10 fortsetzen, weil er gewohnt ist in aller Regel die erste und leichteste richtige Lösung zu wählen. Für die Verarbeitung von Daten in Systemen ist die Komplexität der Rechenregel indes kein Problem. Das Problem stellt sich allenfalls bei der Auswahl und Programmierung der Rechenregel.

Ist damit das Ergebnis digitaler Entscheidungen insbesondere von der Rechenregel abhängig und bestehen Auskunftsansprüche darüber nur zwingend bei einer „automatisierten Entscheidungsfindung“, so ist eine Prüfung der Automatisierung der Entscheidungsfindung notwendig. Eine solche Prüfung kann aber ohne ein technisches Grundverständnis nicht wirksam erfolgen.

Nach § 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG hat ein Betriebsrat über die Durchführung zugunsten von Arbeitnehmern geltender Gesetze zu wachen. Dieser Aufgabe kann er bezüglich der DSGVO also ohne technisches Knowhow nicht vollständig gerecht werden. Er hat nun die Wahl. Er kann entweder eine sachkundige Person zur Prüfung der ihm nach § 80 Abs. 2 Satz 2 BetrVG zur Verfügung zu stellenden Unterlagen hinzuziehen. Er kann auch einen Sachverständigen nach § 80 Abs. 3 BetrVG beauftragen, Beides setzt aber voraus, dass dies zur ordnungsgemäßen Erfüllung seiner Aufgaben erforderlich ist. Wie soll ein Betriebsrat, auch wenn ihm bei der Entscheidung über die Erforderlichkeit ein weiter Ermessenspielraum zugestanden wird, die Erforderlichkeit überhaupt beurteilen, wenn ihm schon das Grundwissen über die involvierte Logik nicht selbst zur Verfügung steht?

So schwer es auch im Einzelnen fallen mag, in Zukunft wird sich deshalb auch ein Betriebs- oder Personalrat um ein technisches Grundverständnis bemühen müssen. Es hängt u.a. vom Umfang des Einsatzes digitaler Systeme im Betrieb und vom arbeitstechnischen Zweck des Betriebs und damit von dem Knowhow der Arbeitnehmer ab, ob die erforderlichen Kenntnisse in einer Arbeitsgruppe oder einem Ausschuss gebündelt oder breit im Gremium verteilt vorgehalten werden.

Wir werden weiter daran arbeiten, relevante Informationen für das technologische Grundwissen von Betriebs- und Personalräten hier bereitzustellen. Fragen, Beiträge, Anregungen und Hinweise zum Informationsbedarf sind aber stets willkommen. Nutzen Sie dafür das Kontaktformular oder melden Sie sich im Forum an. Selbstverständlich werden wir aber auch von uns aus an dieser Stelle Hilfestellungen in technischen Fragestellungen geben.

Haben Sie Fragen zu dem Beitrag? Sprechen Sie uns an!
Per E-Mail oder telefonisch.